Es sind diese ersten Sekunden, die den Zuschauer unmittelbar an einen anderen Ort und in eine andere Zeit versetzen. Die Streicher setzen ein, langsam und beinahe feierlich. Dazu körnige, kühl wirkende Bilder einer Stadt, deren Fassaden vom Alter, vom Winter und von Jahrzehnten politischer Abschottung gezeichnet scheinen. Prag 1988. Noch liegt die damalige Tschechoslowakei hinter dem Eisernen Vorhang – und genau hier drehten INXS eines der eindrücklichsten Musikvideos ihrer Karriere: „Never Tear Us Apart“.

Die Karlsbrücke wird dabei zur visuellen Achse. Seit Jahrhunderten spannt sie sich über die Moldau, doch in Lowensteins Bildern wirkt sie weniger wie eine touristische Sehenswürdigkeit als wie ein monumentales Relikt einer abgeschlossenen Welt. Dunkler Stein, Nebel, kahle Bäume und nahezu menschenleere Plätze prägen die Szenerie. Michael Hutchence bewegt sich durch diese Umgebung meist allein, im schwarzen Mantel, den Blick ernst und beinahe verloren.

Videoproduzent und Regisseur Richard Lowenstein machte die Stadt dabei nicht einfach zur Kulisse. Prag wurde zum zweiten Hauptdarsteller des Clips. Lowenstein hatte sich bewusst für eine Stadt entschieden, deren historisches Erscheinungsbild damals noch kaum von westlicher Werbung, Neonreklamen oder internationaler Kommerzialisierung verändert worden war. Die gotischen Türme, verwitterten Sandsteinfassaden, engen Gassen und das winterliche Licht verliehen dem Video jene düstere Zeitlosigkeit, die sich vollkommen mit der Melancholie des Songs verbindet.

Heute erscheint Prag farbenfroh, restauriert und voller Leben. Wer die Aufnahmen von 1988 betrachtet, sieht dagegen eine Stadt unmittelbar vor dem politischen Umbruch. Die Samtene Revolution und damit das Ende der kommunistischen Herrschaft sollten erst im November 1989 folgen. Das Musikvideo transportiert deshalb – ob beabsichtigt oder nicht – einen bemerkenswerten visuellen Eindruck jener letzten Jahre des Kalten Krieges.

Tim Farriss’ markantes Gitarrenmotiv, das zwischen den Gesangsphrasen immer wieder wie ein kurzer elektrischer Impuls auftaucht, bildet einen reizvollen Gegensatz zu den Bildern. Während Prag visuell Vergangenheit, Schwere und historische Distanz ausstrahlt, bringt die Gitarre etwas ausgesprochen Modernes in diese Welt. Westlicher Rock trifft auf eine Stadt hinter dem Eisernen Vorhang – 1988 über MTV in Millionen Wohnzimmer transportiert.

Genau darin liegt bis heute die aussergewöhnliche Wirkung des Clips. Lowenstein filmte Prag nicht als Hochglanzkulisse. Er nutzte die vorhandene Patina. Die Produktion musste sogar technisches Equipment wie Steadicam und Kamerakran sowie entsprechendes Personal aus München organisieren, während Genehmigungen über eine staatlich kontrollierte lokale Produktionsstruktur abgewickelt wurden.

Besonders eindringlich wird dieses Zusammenspiel beim Alten Jüdischen Friedhof. Zwischen dicht gedrängten, schief stehenden Grabsteinen und kahlen Bäumen bewegt sich die Kamera durch einen der ältesten erhaltenen jüdischen Friedhöfe Europas. Hier erhält auch Kirk Pengillys Saxophon seinen grossen Moment. Sein Solo klingt nicht wie schmückendes Beiwerk, sondern beinahe wie eine zweite Stimme des Songs – rau, sehnsüchtig und verloren zwischen den Jahrhunderten.

Ein weiterer zentraler Schauplatz liegt am Moldauufer auf der Kleinseite. Im Bereich des heutigen Parks Cihelná, gegenüber der Altstadt und unweit der Karlsbrücke, platzierte Lowenstein die Streicher, die bereits musikalisch den Beginn des Songs prägen. Dadurch wird das Orchester selbst Teil der Erzählung. Musik und Architektur existieren nicht getrennt voneinander; sie verschmelzen zu jenem melancholischen Gesamtbild, das „Never Tear Us Apart“ bis heute unverwechselbar macht.

Und über allem steht Michael Hutchence. Die Lyrics stammen von ihm, die musikalische Grundlage von Andrew Farriss. Hutchence schrieb den Text für Michele Bennett, seine langjährige Partnerin und spätere enge Vertraute. In einem später verwendeten Interview bestätigte Hutchence selbst, dass der Song einer ganz bestimmten Frau galt: Michele.

Damit erhält auch Prag eine zusätzliche Bedeutung. Diese Bilder erzählen von Nähe und Distanz, von zwei Welten, die aufeinanderprallen, von Trennung und dem Wunsch, trotzdem verbunden zu bleiben. Genau davon handelt auch der Song.

Vielleicht funktioniert „Never Tear Us Apart“ deshalb mehr als drei Jahrzehnte später noch immer so aussergewöhnlich gut. Richard Lowenstein schuf 1988 nicht einfach ein Musikvideo zu einem INXS-Song. Er konservierte für vier Minuten eine Stadt, eine politische Epoche und eine Stimmung.

Durch MTV gelangten die schwarzen Türme Prags, die fast menschenleere Karlsbrücke, der Alte Jüdische Friedhof und das kalte Ufer der Moldau plötzlich in die Wohnzimmer des Westens. Eine Welt hinter dem Eisernen Vorhang wurde sichtbar – begleitet von Streichern, Hutchence’ unverwechselbarer Stimme, Tim Farriss’ Gitarre und jenem Saxophon, das über den alten Grabsteinen von Prag beinahe wie ein letzter Ruf verhallt.

Facts n‘ Figures
Sänger  Michael Hutchence verstab am 22 November 1997 im Alter von 37. Der Tod wurde als Selbstmord eingestuft, der in einem depressiven Zustand und unter dem Einfluss von Alkohol und anderen Drogen begangen wurde. 

Das Video zu «Never Tear Up Apart» lief weltweit auf MTV und machte das trübe, aber wunderschöne Prag im Westen berühmt, noch vor dem Fall des Kommunismus 1989.

Michele Bennett selber produzierte auch die die INXS Video mit wie: «Suicide Blonde», «By My Side» und «Bitter Tears». SIe produzierte auch für andere Künstler und Bands deren Videoclips, darunter: U2, Prince, Silverchair und Foo Fighters.

Der 2019 erschienene Dokumentarfilm über das Leben des Musikers, Schauspielers und Singer-Songwriters Michael Hutchence, dem Leadsänger der australischen Rockband INXS stammt im Drehbuch und Regie ebenfalls von Richard Lowenstein.

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