Manchmal braucht es keine hundert Noten pro Sekunde, keinen halsbrecherischen Lauf über das Griffbrett und keine spektakuläre Gitarrenakrobatik, damit ein Gitarrenpart hängen bleibt. Manchmal reichen ein Ton, ein wenig Raum – und ein Musiker, der weiss, wann er eben nicht spielen muss. Willkommen zu einer weiteren Ausgabe von Awesome Guitar Parts – mit der Ausgabe #28.

Diesmal führt die Reise zu Cutting Crew und zu einem Song, dessen Refrain wohl zu den unauslöschlichen Momenten der 80er-Popgeschichte gehört: „(I Just) Died In Your Arms“. Doch bei dieser Live-Version beginnt die eigentliche Geschichte lange bevor Nick Van Eede die berühmten ersten Worte singt. Sie beginnt mit Gareth Moulton und mit seinem fast vier Minuten dauernden Gitarreintro.

Die Rockpalast-Aufnahme von Cutting Crew – mittlerweile beinhahe 20 Jahre alt – zeigt eindrucksvoll, was aus einem bekannten Popsong werden kann, wenn man ihm auf der Bühne Zeit gibt. Kein schneller Einstieg, kein sofortiges Wiedererkennen des Welthits und auch kein „one, two, three, four“ – und los.

Stattdessen steht Gareth Moulton mit seiner James Tyler Strat im Mittelpunkt und lässt die ersten Töne beinahe vorsichtig in den Raum gleiten. Ein einzelner Ton bleibt stehen, verklingt – Der nächste folgt; wieder Raum; wieder Stille.

Moulton spielt nicht einfach die Einleitung zu „(I Just) Died In Your Arms“. Er baut eine Atmosphäre auf, er zelebriert die Töne, aus denen der Song erst einige Minuten später hervortreten wird und genau darin liegt die Magie dieser Version.

Moulton selbst nennt für genau diese WDR-Rockpalast-Aufnahme seine damalige James Tyler Strat. Technische Details, sicherlich, aber man hört sie. 
Diese Gitarre besitzt keinen trockenen, unmittelbaren Attack. Die Töne schweben. Sie bekommen Nachlauf, Tiefe und eine beinahe vokale Qualität. Manche Noten stehen so lange im Raum, dass sie sich mit dem nächsten Ton verbinden.

Die Gitarre beginnt zu erzählen. Mal fast flüsternd. Dann wieder mit einem Ton, der sich langsam aufbäumt, bevor er zurückgenommen wird. Kleine melodische Figuren tauchen auf, verschwinden wieder, werden beantwortet. Bendings werden nicht einfach auf die Zielnote gezogen, sondern ausgekostet. Vibrato bekommt Zeit. Delay-Wiederholungen werden Teil der Melodie. Es ist dieses Spiel zwischen Ton und Raum, das die ersten Minuten so aussergewöhnlich macht.

«…Da ist es plötzlich. Noch nicht ganz. Nur eine Ahnung.»

Gerade deshalb funktioniert dieses Intro auch heute noch. Moulton versucht nicht, den Zuhörer mit Technik zu überwältigen. Natürlich steckt Kontrolle dahinter. Natürlich sind Timing, Ton, Bendings und Dynamik präzise, aber man hört keine Demonstration.

Die ersten vier Minuten wirken beinahe improvisiert – als würde sich der Gitarrist selbst langsam an den Song herantasten. Doch die Richtung ist längst klar. Mit jedem neuen Motiv wächst die Spannung. Der Sound wird dichter. Einzelne Linien werden bestimmter. Aus der schwebenden Atmosphäre entwickelt sich zunehmend jene harmonische Welt, in der man irgendwann etwas Vertrautes erkennt. 

Der Song wartet im Hintergrund. Moulton lässt ihn warten. Und genau dadurch bekommt ein Stück, das jeder schon hundertfach gehört hat, plötzlich wieder etwas Unberechenbares.

Live gespielt – gerade in dieser Version – besitzt der Song eine andere Dimension. Bei der Rockpalast-Version wird aus der perfekt konstruierten Radiosingle plötzlich eine ausgedehnte Rocknummer.

Und das Entscheidende geschieht bereits, bevor der eigentliche Song überhaupt begonnen hat.

Moultons Intro reisst „(I Just) Died In Your Arms“ aus seinem bekannten Korsett. Für einige Minuten existiert keine Single, kein MTV-Hit und kein Refrain, auf den alle warten.

Fact:
Gareth Moulton ist seit vielen Jahren Leadgitarrist von Cutting Crew. Bei Cutting Crew trat er in grosse Fussstapfen. Der ursprüngliche Gitarrist Kevin MacMichael hatte den Sound der Band entscheidend geprägt und starb 2002. Als Nick Van Eede Cutting Crew später neu formierte, gehörte Moulton zur neuen Besetzung.

Titelfoto: Website Gareth Moulton 

0
0